„Die Kirche kann viel von Sexarbeiterinnen lernen“, sagt Kristina Marlen, Sexarbeiterin in Berlin – und gläubig. Interessante Headline im Netz! Klingt spannend und für mich so schräg und provozierend, dass ich sie gleich mal um ein Interview bitten muss. Glauben und Prostitution: Wie soll das zusammen gehen? Vor meinem inneren Auge sehe ich Straßenstrich, Drogensucht, Zwangsprostitution. Kurzum: Elend und Gewalt. Gebrochene Persönlichkeiten, die aus Not diesen Job ausüben müssen. Gebrochen klingt Kristina Marlen am Telefon gar nicht. Eher vergnügt. Sie freut sich, dass ich als Radiopastorin mit ihr ins Gespräch kommen möchte. In ihrem Kolleginnenkreis gab es dafür leicht spöttische Rückmeldungen, dass sie sich mit einer von der Kirche unterhalten möchte, sagt sie. Eine Art Tabubruch, lacht sie. Und das ist es irgendwie natürlich für mich auch. „Mein Großvater war Pastor“, sagt sie. „Meine Lieblingsbibelstelle ist Psalm 23. Und: Sexarbeiterin sein, ist meine Berufung.“
Mein Kopf schwirrt. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich habe richtig viel gelacht am Telefon. So eine lustige und warmherzige Person mit Tiefgang. Aber was hatte ich denn eigentlich gedacht? Mit welcher Vorannahme und Vorurteilen bin ich eigentlich in den Kontakt gegangen? Ich bin die moralisch überlegende Reporterin und sie das schwarze Schaf? Ich schreibe Kristina Marlen: Ich würde gerne noch einmal mit Ihnen sprechen. Sie dürfen mir natürlich auch Fragen stellen. Wollen wir zusammen einen Podcast aufnehmen?
ReligiösTalk
Sinn:Suche Folgen
Wir bieten Antworten auf die großen Lebensfragen: In „Sinn:Suche“ erkunden die Radiopastor*innen Susanne Richter, Marco Voigt und Oliver Vorwald gemeinsam mit inspirierenden Gästen, wo Menschen Sinn finden: in der Kunst, der Musik, der Politik, in fernen Kulturen oder in den Tiefen des Glaubens. Jede Folge bietet neue Perspektiven und Impulse für die eigene Suche nach Orientierung und Tiefe – immer mit Bezug zu den Themen, die das Leben bewegen. Ein Podcast für alle, die mitten im Leben stehen und offen für religiöse und existenzielle Fragen sind.
Folgen von Sinn:Suche
82 Folgen
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Folge vom 13.06.2022Kristina Marlen im Gespräch mit Susanne Richter über Sexarbeit und Glaube
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Folge vom 03.05.2022Aminata Touré im Gespräch mit Marco Voigt über die Macht der VielfaltAminata Touré ist Abgeordnete im Landtag von Schleswig-Holstein und Landtagsvizepräsidentin. Seit zehn Jahren ist sie Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen. Doch ihr gesellschaftliches Engagement begann schon zu Schulzeiten, als sie zur Schulsprecherin gewählt wurde. Eine beeindruckende Geschichte, vor allem, wenn man weiß, dass ihre Familie aus Mali nach Deutschland floh und Aminata Touré die ersten fünf Jahre ihres Lebens in einer Flüchtlingsunterkunft lebte und von Abschiebung bedroht war. Ich habe sie im Landeshaus in Kiel besucht, um mit ihr über ihr Buch "Wir könnten mehr sein. Die Macht der Vielfalt", über ihre Ambitionen in der Politik, den Kampf gegen Rassismus und den Klimawandel, und über Religion, Spiritualität und den schönsten Tag ihres Lebens zu sprechen. Aminata Touré war gut aufgelegt und hatte – wie man hört – viel Interessantes zu sagen.
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Folge vom 03.05.2022Annie Heger im Gespräch mit Oliver Vorwald über Heimat und SehnsuchtMit Annie Heger zu schnacken war grandios. Wir reden über Heimat. Natürlich. Ostfriesland, Plattdeutsch, die Menschen unseres Herzens. Und warum all das für unser Seelenleben wichtig ist. Anhören! Träumen, eine Träne aus den Augenwinkeln streichen, dahinschmelzen. Es wird deep, immer wieder. Wenn wir über Annies Sehnsucht nach einem gesunden Körper talken, wenn wir andächtig von Sven Regeners Musik schwärmen und „an Land“ gehen oder über das YouTube-Projekt Basis:Kirche nachdenken. Annie Heger ist Sängerin, Kabarettistin, Moderatorin und Autorin für „Hör mal’n beten to“ im NDR. Sie pendelt zwischen Berlin, Nordeutschland und der Welt.
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Folge vom 03.05.2022Wolf Biermann im Gespräch mit Marco VoigtWolf Biermann ist Liedermacher und Poet. Seine Gedichtbände zählen zu den erfolgreichsten der deutschen Nachkriegsliteratur. Seine Geschichte bewegt: Als jüdisches Kind überlebt er die Hamburger Bombennächte. Sein Vater, überzeugter Kommunist, wird in Auschwitz ermordet. Als Jugendlicher verlässt Biermann 1953 die Bundesrepublik und geht in die DDR, denn er ist überzeugt: Dort entsteht das bessere Deutschland. Doch kaum ist er angekommen, folgt die Ernüchterung. Er wird zum unbequemen Mahner. 1976 singt er in Westdeutschland und wird von der SED nicht mehr ins Land gelassen. Seitdem wohnt er in Hamburg. Auch mit 85 Jahren bleibt er ein unbequemer Mahner, der zu seiner Meinung steht. Auch und gerade dann, wenn er anderen damit widerspricht. In seinem neuen Buch "Mensch Gott" hat er Texte aus sechs Jahrzehnten versammelt. Ich besuche ihn, und wir reden über Ermutigung, Glaube und Unglaube, Toleranz und darüber, warum Wolf Biermann als Atheist viele Christen zu seinen Freunden zählt.