Es ist ein ungeheures Unterfangen, das Rétif de la Bretonne in der Vorrede seines Buches ankündigt: »Ich gehe daran, Ihnen hier das ganze Leben eines Ihrer Mitmenschen vorzulegen, ohne etwas zu verschleiern, weder von seinen Gedanken, noch von seinen Taten. Der Mensch, dessen Seele ich hier anatomieren werde, konnte allerdings kein anderer sein als ich selbst.« Und er macht ernst - völlig ungeschminkt erzählt er alles, was ihn einst bewegte, alles, was er tat, und alles, was er dachte: Gutes wie Böses, Edles, Niederträchtiges, Verwerfliches, Peinliches, Obszönes, Widerliches, Naives, Lobenswertes. Alles. Und er schreibt damit eines der schonungslosesten, aber auch großartigsten Memoirenwerke aller Zeiten, ebenbürtig einem Samuel Pepys, Jean-Jacques Rousseau oder Giacomo Casanova. Von der Jugend auf dem Land über die Zeit in der Klosterschule bis in die Zeit als Drucker und Schriftsteller in Paris, wo er zum berühmtesten Beobachter der niederen Stände wird. Unzähligen Frauen begegnet der leicht entflammbare und triebhafte Rétif auf seinem Weg, und auf alle möglichen Weisen versucht er sich ihnen zu nähern. Er liefert ein ungemein reichhaltiges Zeitbild Frankreichs vor und während der Revolution - und eine Tiefenbohrung in die menschliche Psyche, wie es sie vorher noch nie gab und auch lange danach nicht mehr geben sollte.
Der Autor des Porträts des französischen Dichters ist der Schriftsteller und Übersetzer Reinhard Kaiser. Er wird am 7. März 75 Jahre alt.
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Folge vom 28.02.2025Der französische Dichter Nicolas Rétif de la Bretonne und sein ungekanntes Meisterwerk
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Folge vom 14.02.2025Hörbild zu Ror Wolfs 5. Todestag - Jetzt wandert das Mondlicht an der rechten Seite des Zimmers entlangRor Wolf war einer der bedeutendsten lebenden Dichter deutscher Sprache, ein Romancier, Lyriker, Avantgardist und Hörspielautor, dessen Fußballcollagen legendär sind. Vor fünf Jahren, am 17. Februar 2020, ist er gestorben. Dieses Hörbild von Jürgen Roth mit vielen Originalaufnahmen würdigt Ror Wolfs gesamtes künstlerisches Schaffen. Und es zeigt sich, dass das Werk Ror Wolfs wie ein Kontinent ist, den man wieder und wieder bereist, ohne seine Grenzen endgültig abstecken zu können.
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Folge vom 17.01.2025Mexikanische Pflegekräfte in Deutschland - Gute Pflege für alle?Pflegekräfte werden dringend gesucht und viele inzwischen im Ausland angeworben. Die Anwerbung soll für alle ein Gewinn sein: für Deutschland, die Heimatländer und die Pflegekräfte selbst. Aber stimmt das auch? In der Wüstenhitze Nordmexikos büffeln Mara Morales, Paz Velázquez und Victoria de la Cruz Deutsch. Ihr gemeinsames Ziel: am Universitätsklinikum Bonn arbeiten - schon bald soll es losgehen. Sie gehören zu den rund 1.000 gut ausgebildeten mexikanischen Pflegekräften, die die Bundesagentur für Arbeit seit 2018 rekrutiert hat. Denn in Deutschland braucht es bis 2030 180.000-500.000 zusätzliche Pflegekräfte. Die Anwerbeprogramme versprechen, für alle ein Gewinn zu sein: Deutschland deckt seinen Fachkräftebedarf, die Heimatländer werden überschüssige Pflegekräfte los und die Pflegekräfte selbst können sich persönlich weiterentwickeln. Aber geht diese Rechnung auf - auch für Mexiko? Immerhin gibt es dort im Verhältnis deutlich weniger Pflegekräfte als in Deutschland. Was motiviert die jungen Menschen, in Deutschland zu arbeiten? Und finden sie hier, was sie suchen? Feature-Autorin Mirjana Jandik hat Mara, Paz und Victoria ein Jahr lang begleitet. Halten die drei trotz langer Anerkennungsprozesse und anstrengender Schichtwechsel am „German Dream“ fest?
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Folge vom 29.06.2024Auf dem Berge. Sinnbilder eines mythischen OrtesEisige Höhen: Orte der Gotteserfahrung oder der Selbsterkenntnis - Berge erheben sich über die alltägliche Ebene der Menschheit und reichen in die Nähe des Himmels. Heilige Berge, das ist etwa bei den Griechen der Olymp, im Alten Testament der Berg Sinai, der Gottesberg Horeb, an dem Mose dem Gott Jahweh begegnete oder der Berg Tabor in Galiäa, eine vorchristliche Kultstätte der Antike und im Christentum Ort der Verklärung Jesu Christi, der heilige Berg Elbrus im Kaukasus oder in Japan der Fujiyama. Die Berge sind Orte der Gottesnähe und des Erkenntnisgewinns, Orte der Reflexion, der Sinnstiftung und des inneren Wachstums. Dagegen stehen sie aber auch für gefährliche Isolierung und Abgrenzung, für Überheblichkeit und Entfernung von der menschlichen Gemeinschaft. Ein Feature über die vielfältigen Bedeutungen der Berge in Kultur, Literatur und Religion - über Gipfelstürmer und philosophische Höhenflüge.