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Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 19.12.2022Das Ende der ersten deutschen EisenbahnDie deutsche Eisenbahngeschichte begann bekanntlich im Jahr 1835 mit der Inbetriebnahme der Ludwigseisenbahn auf der Strecke zwischen Nürnberg und Fürth. Erstere, also die deutsche Eisenbahngeschichte, dauert – dank der Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte bisweilen mehr schlecht als recht – bis heute fort; letztere hingegen, die Ludwigseisenbahn, stellte vor einhundert Jahren ihren Betrieb unwiderruflich ein. Sei es aus Nostalgie, sei es aus mangelnder ökonomischer Perspektive war sie nie wirklich modernisiert, sondern bis 1922 quasi als Museumsbetrieb fortgeführt worden. Dann war nach 87 Jahren, auch unter dem Eindruck der galoppierenden Inflation, Schluss. Die Vossische Zeitung nimmt dies am 20. Dezember in Person von Alfred Neuburger zum Anlass für einen durchaus wehmütigen Abgesang. Neuburger war ein höchst erfolgreicher Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher und galt zu seiner Zeit als so etwas wie der „Star des naturwissenschaftlich-technischen Feuilletons“. 1943 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Minna nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Es liest Frank Riede.
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Folge vom 18.12.2022Hitlers ‘Truppenparade’US-amerikanische Milliardäre, die einen Teil ihres Vermögens in die Entwicklung rechtsextremer Parteien dies- und jenseits des Atlantischen Ozeans investieren, sind offensichtlich ein epochenübergreifendes Phänomen. Ob Automobilpionier Henry Ford in den 1920er Jahren den Aufbau der NSDAP tatsächlich mitfinanzierte, gilt bis heute als ungeklärt. Dass Ford wegen seines bekennenden Antisemitismus von Hitler verehrt wurde, ist hingegen Allgemeingut und war auch der Berliner Volks-Zeitung bereits im Jahr 1922 bekannt. Ansonsten gießt diese in ihrem kurzen Bericht vom 18. Dezember über eine ‘Truppenparade‘, die die Nazis in München angestrengt hatten, jede Menge Spott aus. Es liest Paula Leu.
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Folge vom 17.12.2022Der Mord am polnischen PräsidentenKaum anders als in der jungen Weimarer Republik waren auch die ersten Nachweltkriegsjahre des in ihrem Osten wiedererstandenen polnischen Staates von heftigen Wirtschaftskrisen, Inflation, Grenzstreitigkeiten und großer politischer Instabilität geprägt. Nationalistische Kräfte unterminierten auch hier den Ausgleich mit den Nachbarstaaten sowie den nationalen Minderheiten und versuchten die ohnehin labilen demokratischen Strukturen mit Agitation und Terror von Beginn an auszuhöhlen. Vier Jahre des stark vom Polnisch-Sowjetischen Krieg geprägten Übergangs hatte es gedauert, bis Polen überhaupt einen ersten gewählten Präsidenten erhalten hatte. Und dann fiel besagter Gabriel Narutowicz, der seine Wahl einem Bündnis der Linken mit der Bauernpartei und den Minderheitenparteien verdankte, nur fünf Tage später einem rechtsgerichteten Attentat zum Opfer. Polen war erschüttert, und auch im damals noch nicht ganz so nahen Berlin blickten die Tageszeitungen am 17. November 1922 aufgeschreckt nach Warschau. Hier tun dies die Berliner Morgenpost – und Frank Riede.
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Folge vom 16.12.2022Alkoholfreie SoldatenDer heute vorwiegend als rassistische Beleidigung genutzte Begriff „Kümmeltürke“, entstammt wohl der Gegend um Halle und bezeichnete Studenten, die aus diesem Umland kamen, das wegen des Kümmelanbaus und der sonstigen Trostlosigkeit als „Kümmeltürkei“ bezeichnet wurde. Erst nach dem Anwerbeabkommen der BRD mit der Türkei wurde es als Schimpfwort zur Bezeichnung der Gastarbeiter benutzt. Da die Neuköllnische Zeitung vom 16. Dezember noch keinen Zugang zu Wikipedia hatte, benutzte sie den Begriff als Bezeichnung für trinkfreudige türkische Soldaten. Ausgangspunkt für diese Reflexion über das Militär und Alkohol ist die Nachricht über Bemühungen des Österreichischen Heeres, den Alkoholgenuss der Soldaten zu verringern. Freilich war sich niemand sicher, ob ein abstinentes Heer zu einer höheren oder geringeren Wehrhaftigkeit führen würde. Paula Leu präsentiert die eher skeptische Position des Kolumnisten.