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Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 17.10.2022Das geleugnete Organ - Schule und SexualerziehungEs ist verständlich, dass unser Blick auf die Zwanziger Jahre in Berlin, die sexuelle Freizügigkeit bestimmter Milieus sowie die Tanz-, Party- und Drogenszene hervorhebt, macht dies doch einen Teil der Anziehungskraft von Serien wie Babylon Berlin aus. Die „Goldenen Zwanziger“, der „Tanz auf dem Vulkan“ leben von dieser Seite Berlins, die es auch zweifellos gab. Wieviel verklemmter und puritanischer andere Teile der Gesellschaft mit der Sexualität umgingen, zeigten uns etwa der Prozess gegen die Aufführung von Schnitzlers Reigen, oder der Kampf der Sexualreformer. In der heutigen Folge druckt die liberale Berliner Volks-Zeitung vom 17. Oktober die Forderung nach einer Reform der schulischen Sexualkunde ab. Es solle endlich das geleugnete Organ zu seinem Recht kommen. Wie es uns immer wieder in der journalistischen Landschaft der Zwanziger Jahre begegnet, kommt es hier auch zu der Situation, dass der tatsächlich progressive Autor bei seinem Kampf gegen veraltete Moralvorstellungen selbst gleichzeitig nicht frei ist von zeittypischen homophoben Überzeugungen. Es liest Frank Riede.
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Folge vom 16.10.2022Thomas Mann und die deutsche RepublikThomas Manns sich im Herbst 1922 immer klarer abzeichnende Metamorphose vom kaisertreu-nationalkonservativen Saulus zum liberal-republikanischen Paulus war hier im Podcast bereits vor einigen Wochen anlässlich der Veröffentlichung seines Essays „National und international“ ausführlich Thema. Noch prominenter wirkte diesbezüglich indes seine (eigentlich dem 60. Geburtstag Gerhard Hauptmanns geltende) Rede ‘Von deutscher Republik‘ vom 13. Oktober des Jahres, in der er sich klar zu eben dieser bekannte und sich vor allem an die studentische Jugend wandte, es ihm gleich zu tun. Im 8-Uhr-Abendblatt vom 16. Oktober berichtet Autor Kurt Pinthus vom Auftritt Manns im Beethovensaal der Alten Philharmonie und beurteilt das dort Vernommene, nicht überraschend, positiv, wenngleich er sich Manns politisches Statement wohl durchaus noch konsequenter vorstellen könnte. Es liest Frank Riede.
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Folge vom 15.10.2022Das Urteil im Rathenau-ProzessSeit dem 3. Oktober 1922 war gegen 13 Beschuldigte wegen des Mordes an Außenminister Walther Rathenau vor dem neubegründeten Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik verhandelt worden, bereits am 14. Oktober ergingen in dem vielbeachteten Prozess die Urteile. Der Hauptangeklagte Ernst Werner Techow entging der Todesstrafe, weil er nur der Beihilfe, nicht aber der Mittäterschaft am Attentat überführt werden konnte. Die Strafen gegen neun weitere Angeklagte wurden allgemein als vergleichsweise, d.h. in Relation zu anderen Verfahren mit rechtsterroristischem Hintergrund, drastisch angesehen. Die heiß diskutierte Frage nach etwaigen Hintermännern, etwa aus den Kreisen der berüchtigten Organisation Consul, ließ das Gericht in seiner Urteilsbegründung jedoch offen. Weitere Details erfahren wir aus der Berliner Morgenpost vom 15. Oktober, und zwar von Paula Leu.
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Folge vom 14.10.2022Joseph Roth: Die Welt mit den zwei SeitenDie alten Römer verehrten Janus, den Gott des Anfangs und des Endes, den Gott, der die Dualität in den ewigen Gesetzen symbolisierte. Der oftmals doppelgesichtig Dargestellte stand für die Verknüpfung von Zerstörung und Schöpfung, von Licht und Dunkelheit oder von Leben und Tod. Dass der Mensch in sich auch janusköpfig ist, indem er widersprüchliche Emotionen und Beweggründe in sich trägt, dämmerte dementsprechend nicht erst dem Schriftsteller und fleißigen Feuilletonisten Joseph Roth, der am 14. Oktober 1922 über die Dualität der Welt für den Vorwärts schrieb. Seine Überlegung, die ausgeht von der Beobachtung des Rathenau-Prozesses, bleibt aber nicht auf der Ebene der Beschreibung einer anthropologischen Grundkonstante, sondern entwickelt eine klare politische und pazifistische Position. Für die mußte Roth sich beim Vorwärts sicherlich nicht rechtfertigen, wo er vorübergehend publizierte, nachdem er kurz zuvor beim Berliner Börsen-Courier gekündigt hatte – mit folgender Begründung: „Ich kann wahrhaftig nicht mehr die Rücksichten auf ein bürgerliches Publikum teilen und dessen Sonntagsplauderer bleiben, wenn ich nicht täglich meinen Sozialismus verleugnen will.“ Seine Betrachtung der Welt mit zwei Seiten liest für uns Frank Riede.