
NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 13.10.2022Halali im deutschen WaldDie Jagd war bekanntermaßen die längste Zeit ein Privileg des Adels, und in der Tat ist die Autorin, die sich am 13. Oktober 1922 für den Berliner Lokal-Anzeiger „Auf Hirschsuche“ begab, eine zumindest angeheiratete ‘von und zu‘: Eva Gräfin von Baudissin entstammte zwar, genau wie zwei literarisch noch etwas bedeutendere Zeitgenossen, dem Lübecker Bürgertum, pflegte aber offensichtlich auch nach der bereits 1906 vollzogenen Scheidung von ihrem Ehemann und Schriftstellerkollegen Wolf Ernst Graf von Baudissin dann und wann aristokratische Freizeitbeschäftigungen, die sie in diesem Fall in den herbstlichen Forst führten. Was sie den städtischen Leserinnen und Lesern des auflagenstarken Lokal-Anzeigers aus dem Verlagshaus Scherl hier auftischte, war dabei freilich alles andere als eine Weichzeichnung des Jagdwesens. So effektvoll ihr Text im Geäst romantische Nebel wallen lässt, so wenig unterschlägt er zugleich die grausam-blutige Seite des Waidwerks, an das sich für uns Paula Leu heranpirscht.
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Folge vom 12.10.2022Vergiftungsanschläge und ihre UntersuchungZu der Zeitungslandschaft Berlins gehörten neben den großen überregionalen Zeitungen, die das Gros der Folgen von Auf den Tag genau bestücken, auch zahlreiche Lokalzeitungen, die oftmals zentrale Blätter der Städte um Berlin herum waren und nach der Fusion zu Groß-Berlin 1920 Zeitungen der Stadtviertel blieben bzw. wurden. So etwa auch das Neuköllner Tageblatt. In ihm finden wir in der Ausgabe vom 12. Oktober 1922 einen Bericht, in dem politisches Tagesgeschehen mit Wissenschaftsjournalismus verbunden ist. Offenbar waren einige Angeklagte im Leipziger Rathenau-Prozess nach dem Konsum von Pralinen mit Vergiftungssymptomen erkrankt. Ein Fall für die chemische Wissenschaft, die auch die kleinsten Giftspuren aufspüren kann. Paula Leu schaut für uns den Chemikern über die Schulter.
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Folge vom 11.10.2022“Die Schlimme Botschaft” von Carl Einstein vor GerichtWenn nicht gegen Nackttänzerinnen oder Schnitzlers Reigen wegen Unsittlichkeit prozessiert wurde, dann stand die Kunst wegen vermeintlicher Gotteslästerung vor Gericht. Ein sehr prominenter Fall der jungen Weimarer Republik war die Anklage gegen den heute nahezu vergessenen Autor Carl Einstein und seinen noch heute bekannten Verleger Ernst Rowohlt. Es ging um das Buch „Die schlimme Botschaft“, in dem Jesus auf die Realität und das Christentum des 20. Jahrhunderts trifft und daran verzweifelt, bzw. auch wieder gekreuzigt wird. Ein ähnliches Narrativ galt in Dostojewskis „Der Großinquisitor“ wohl schon 1922 als große Literatur. Rowohlt und Einstein mussten sich, angezeigt von religiösen Eiferern, die im Zweifelsfall das Buch gar nicht gelesen hatten, vor Gericht erklären. Mit Blick auf die Verbotsdebatte um Monty Python’s „Life of Brian“ Ende der 1970er Jahre ist uns eine solche Debatte um die Kunstfreiheit wohl näher als wir meinen. Während es aber bei John Cleese und co. nur darum ging, ob der Film gezeigt werden durfte, mussten Verleger und Autor 1922 allerdings eine Haftstrafe fürchten. Und tatsächlich wurden sie verurteilt und das Buch nach 200 verkauften Exemplaren vom Markt genommen. Immerhin wurde die Strafe in eine Geldstrafe verwandelt, die allerdings empfindlich ausfiel. Frank Riede war zusammen mit dem Vorwärts vom 11. Oktober beim Prozess dabei.
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Folge vom 10.10.2022KünstlerinnenDie Malerinnen Dora Hitz und Martel Schwichtenberg sowie die Bildhauerinnen Milly Steger und Emy Roeder waren Anfang der Zwanziger Jahre allesamt etablierte Künstlerinnen, die im Herbst 1922 zeitgleich in verschiedenen Galerien in Berlin ausstellten. Wahrscheinlich veranlasste diese zeitlich-räumliche Koinzidenz den Kunstkritiker und Feuilletonisten Max Osborn zu einer Sammelrezension – überschrieben: „Künstlerinnen“. So sehr wir uns über diese Trouvaille freuen, die einen Blick auf die wenig beachtete Künstlerinnenszene wirft, so sehr lässt sich der männliche Blick des Autors auf die Werke und ihre Schöpferinnen nicht leugnen. Für uns macht diese Perspektive auf Künstlerinnen der Weimarer Republik, die es heutzutage vielleicht wiederzuentdecken gilt, Frank Riede lebendig.