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Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 16.03.2022Was kein menschliches Ohr zuvor gehört hatAnfang der Zwanziger-Jahre waren weiteste Teile der Welt erkundet, der Nord- und Südpol waren erobert worden, der Raum der Erde war durchschritten, durchfahren oder durchflogen. Doch es gab noch ganz andere Bereiche, in die noch kein Mensch gedrungen war, um deren Eroberung sich die Naturwissenschaften bemühten. In diesem Zusammenhang sorgte im März 1922 eine technische Innovation in allen Zeitungen für Furore, die das menschliche Ohr weiterbringen sollte. Bezeichnet wurde das Gerät als Radiophon und machte die leisesten Geräusche der Natur so laut, dass sie jeder vernehmen konnte. Der Vorwärts vom 16. März berichtet begeistert von diesem Sprung in den bislang ungehörten akustischen Raum. Für uns hört Paula Leu das Gras wachsen.
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Folge vom 15.03.2022Das Weib des PharaoAuch in den Zwanziger Jahren gab es schon so etwas wie Blockbuster-Kinofilme, die mit enormem Aufwand, Tausenden von Komparsen, riesigen Kulissen und Filmstars in den Hauptrollen gedreht wurden. Und schon damals zeichnete sich ab, dass der fruchtbarste Boden für diese Filme der US-Amerikanische Markt war. Ernst Lubitsch drehte 1921/22 den Sensationsfilm „Das Weib des Pharao“, einen der aufwändigsten deutschen Filme bis dahin. Heere von Statisten stellten in einer Sandgrube in Brandenburg die Schlacht der Nubier gegen die Ägypter nach; in der Gegend des heutigen Insulaners, damals eine Dünenlandschaft, wurden riesige Tempelanlagen erbaut. Premiere feierte der Film im Februar in New York, bevor er am 14. März in Berlin zum ersten mal in Deutschland aufgeführt wurde. Das Kalkül ging zumindest für Lubitsch auf, der anschließend nach Hollywood auswanderte. Für das Berliner Tageblatt vom 15.3. war der große Theaterkritiker Alfred Kerr im Kino. In seiner Rezension macht er sich, wenig überraschend, über die hanebüchen zusammengefügten großen Emotionen und Actionsequenzen des Films lustig, indem er nur selektiv auf die unzähligen Spannungspunkte eingeht. Den sehr eigenwilligen und eliptischen Text rezitiert für uns Frank Riede.
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Folge vom 14.03.2022Südafrika am Rande des BürgerkriegsSüdafrika war auch schon vor einhundert Jahren ein an Bodenschätzen reiches Land. Und ein tief rassistisches zudem. Die Besitzer der Kohlegruben und Goldminen waren selbstverständlich alle weiß, die Arbeiter in diesen Kohlegruben und Goldminen ethnisch gemischt; wobei allerdings die weißen Arbeiter deutlich besser entlohnt wurden als die Schwarzen. Dass die Unternehmer dies über Nacht plötzlich ungerecht fanden, darf wohl ausgeschlossen werden; eher muss man davon ausgehen, dass der folgende Bericht aus der Freiheit vom 14. März 1922 von klassischem Lohndumping handelt. Die Streiks der weißen Bergarbeiter gegen die Absenkung ihrer Löhne brachte das Land am Kap auf jeden Fall an den Rande eines Bürgerkriegs, von dem für uns Paula Leu berichtet.
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Folge vom 13.03.2022Antisemitische Ausschreitungen auf dem KurfürstendammAntisemitismus war in den 1920ern ein fast allgegenwärtiges Phänomen. Aber dass ein deutschnationaler Mob dafür pöbelt und prügelnd den bürgerlichen Kurfürstendamm zu seiner Bühne machte, das las man dann doch zumindest 1922 noch nicht alle Tage in der Zeitung. Ausgangspunkt war eine eher unverfängliche Kundgebung von Mittelstandsvereinigungen gegen die Steuerpolitik der Reichsregierung im Lustgarten. Aus dieser heraus formierte sich im Anschluss anscheinend eine zahlenmäßig nicht unbedeutende Schar von überwiegend jugendlichen Rechtsextremisten in Pogromstimmung, derer die unterbesetzte Berliner Polizei nur mit Mühe Herr wurde. In der Berliner-Volks-Zeitung – die in ihrer Ausgabe vom 13. März 1922 immerhin als eine der wenigen hauptstädtischen Blätter überhaupt ausführlich über die Vorfälle berichtete – ist in naiver Verkennung von Radaubrüdern die Rede. Aus dem historischen Rückblick erkennt man indes deutlich die Bezüge in Richtung 1933, 1938 und darüber hinaus. Es liest Frank Riede.