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Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 05.01.2022Der Hauptmann von Köpenick ist tot!Nein, von Harald Juhnke ist hier nicht die Rede. Dieser musste am 5. Januar 1922 schließlich noch über sieben Jahre auf seine Geburt in der Städtischen Frauenklinik zu Charlottenburg warten. Wenn die Berliner Presse an diesem Tag den Tod des Hauptmanns von Köpenick vermeldet, ist tatsächlich das Original gemeint: Friedrich Wilhelm Voigt, Deutschlands berühmtester Schuster, dem es am 16. Oktober 1906 nur mit Hilfe einer preußischen Uniform das Rathaus von Köpenick zu kapern gelungen war, hatte im Alter von knapp 73 Jahren das Zeitliche gesegnet. Zwei Jahre nach seinem Coup nach der Hälfte der gegen ihn ursprünglich verhängten Haftstrafe von Namensvetter Kaiser Wilhelm II. begnadigt, wusste Voigt seinen Legendenstatus zeitweise durchaus erfolgreich zu vermarkten, vermochte seinen darüber erworbenen bescheidenen Wohlstand freilich nicht über Krieg und Inflation hinwegzuretten. Verarmt starb er am 3. Januar 1922 weit weg von Dahme und Spree im fernen Luxemburg. Trotzdem schaffte er es zwei Tage später noch einmal prominent auf die Titelseite der Berliner Morgenpost, die noch einmal ausführlich an seinen großen Coup erinnert. Für uns tut dies Paula Leu.
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Folge vom 04.01.2022Freiheit ist immer die Freiheit der Kommunistischen InternationaleEnde des Jahres 1921 waren Schriften Rosa Luxemburgs posthum erschienen, in denen sie sich kritisch zu einigen Entwicklungen innerhalb der bolschewistischen Revolution in Russland äußerte. Wir hatten, betitelt mit ihrem daraus stammenden, berühmten Zitat „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“, darüber berichtet. Nun stand die Frage im Raum, wie sich die Kommunistische Partei Deutschland zu diesen Worten ihrer verehrten Mitbegründerin stellen würde. Über das lange Schweigen und den darauf folgenden verbalen Eiertanz, den eine andere große Frau der kommunistischen Linken Klara Zetkin vollführte, belustigt sich die Freiheit vom 4. Januar 1921. Sie sieht in den Versuchen Zetkins, nicht schlecht über Rosa Luxemburg zu sprechen und doch ihre Thesen ganz klar als Irrungen zu benennen, eine blinde, unselbständige und kritiklose Gefolgschaft der russischen Kommunistischen Partei. Für uns versucht sich Frank Riede an dieser Schwergeburt.
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Folge vom 03.01.2022Putschen lohnt sich!Nachdem der sogenannte Kapp-Putsch rechtsgerichteter preußischer Offiziere im März 1920 durch einen Generalstreik breiter Bevölkerungsschichten abgewehrt worden war, hatte die nach Berlin zurückgekehrte Reichsregierung eine konsequente Strafverfolgung der Rädelsführer angekündigt. Knapp zwei Jahre später war von diesen vollmundigen Versprechungen jedoch wenig in die Tat umgesetzt worden. Lediglich ‘Viertagesinnenminister‘ Traugott von Jagow war im Dezember 1921 vom Reichsgericht in Leipzig wegen Beihilfe zum Hochverrat zur Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft verurteilt worden. Alle anderen Putschisten befanden nicht nur auf freiem Fuß, sondern lebten fast alle, zum Teil sogar dank üppig fließender staatlicher Zuschüsse, auch weiter auf großem Fuß. Die USPD-Parteizeitung Freiheit empört sich am 3. Januar 1922 über so viel rechtsäugige juristische Blindheit – und mit ihr für uns Paula Leu.
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Folge vom 02.01.2022Unterdessen schreitet die ZeitDiplomatische Neujahrsempfänge sind auch heute noch fester Bestandteil des Kalenders von Frank-Walter Steinmeier, und werden es auch bei seinen Nachfolger:innen sein. Vor 100 Jahren berichteten die Berliner Zeitungen nicht nur detailliert von dieser Veranstaltung beim deutschen Reichspräsidenten, sondern lieferten auch Zusammenfassungen der Empfänge in Paris, London, Washington, Rom oder Prag. Die bei dieser Gelegenheit vorgetragenen Ansprachen zeichneten sich, auch das ist heute wohl nicht anders, durch mehr oder wenige salbungsvolle Friedens-, Zusammenarbeits-, und Freundschaftsbekundungen zwischen den einzelnen Staaten aus. Einen nüchterneren Blick auf das anbrechende Jahr 1922 und seine politischen Spielräume trägt heute Frank Riede für uns vor. Es stammt aus der Feder eines Kolumnisten des Berliner Börsen-Couriers, vom 2. Januar.